Ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit

Dieser Beitrag erscheint in gedruckter Form in „Mitten in der Welt“ Heft 214, Jhg. 2025.
Dr. Christian Seidel, Mitglied der Pilgerbasis Paris 2015
„Mensch sein heißt unterwegs sein, nicht stillstehen – ein Ziel vor Augen und eine Sache im Herzen, für die es sich aufzubrechen lohnt. Im Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens, zu dem im Herbst 2013 die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen eingeladen hat, verbinden sich die alte Tradition des Pilgerns und das gemeinsame Eintreten für eine bessere Welt.“ So steht es im Andachtsbuch des ersten Ökumenischen Pilgerwegs für Klimagerechtigkeit 2015 von Flensburg nach Paris. Auf Einladung eines Bündnisses aus evangelischen Landeskirchen, katholischen Bistümern und kirchlichen Werken waren Tausende unter dem Motto „Geht doch!“ unterwegs: Für die Bewahrung der Schöpfung, für mehr Klimagerechtigkeit.
Über 1.500 km trugen sie ihre Forderungen zur Weltklimakonferenz COP 21:
- ein verbindliches und faires Klimaschutzabkommen,
- Begrenzung des Temperaturanstieg auf deutlich unter 2° C durch Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen,
- Unterstützung der Länder des Globalen Südens bei der Bewältigung von klimabedingten Schäden und Verlusten sowie bei notwendigen Anpassungsmaßnahmen.
Groß war die Freude, als ein Vertragsabschluss erreicht und mit einer maximalen Temperaturerhöhung von 1,5° C ein ambitioniertes Ziel beschlossen wurde.
Wegen der Resonanz unter Pilgerinnen und Pilgern, der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und den absehbaren Problemen bei der Umsetzung des Klimaschutzvertrags waren sich am Ziel in Paris alle einig: Der Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit muss weitergehen – Geht doch! Auf Initiative des zu früh verstorbenen Gerhard Kuntz gründete sich im Jahr 2016 die Initiativgruppe „Pilgerbasis Paris 2015“, welche seither weitere Pilgerwege initiiert und die Klimapilgerbewegung als lebendige und offene Gemeinschaft gepflegt hat. Inzwischen im zehnten Jahr, ist der Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit als ein Teil der gesamtgesellschaftlichen Klimabewegung eine innerkirchlich wie auch weit darüber hinaus anerkannte Aktion und Marke. Im Jahr 2022 wurde er mit dem Ökumenischen Förderpreis in der Kategorie Klimagerechtigkeit geehrt.
In der Verbindung der Spiritualität eines Pilgerwegs mit politischen Aktionsformen besitzt der Klimapilgerweg ein Alleinstellungsmerkmal. Die Pilgerinnen und Pilger fühlen sich dem Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung verpflichtet und suchen das Gespräch mit Menschen am Weg und in den gastgebenden Gemeinden, ebenso wie mit Politikerinnen und Politikern, um so zu mehr Öffentlichkeit für Klimagerechtigkeit, Klimaschutz und Nachhaltigkeit beizutragen. Auch der Besuch von „Kraftorten“ und „Schmerzpunkten“ gehört zum Klimapilgerweg. Wir lernen beispielhafte Lösungen für nachhaltige Entwicklung kennen und besuchen Orte, an denen die Gefährdung der Schöpfung (noch) deutlich zu Tage tritt.
Etwa 350 Gemeinden, Klöster und kirchliche Einrichtungen gaben bis heute der Pilgergruppe eine gastfreundliche Herberge. Geschlafen wurde u.a. in Kirchen, Gemeinderäumen, Sporthallen, Schulen und bei privaten Gastgebern. Dabei kamen die unterschiedlichsten Begegnungen und Gespräche zustande. Gerne lernen wir von lokalen Erfahrungen und können Tipps für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit geben. Auch laden wir dazu ein, die Gruppe ein Stück des Weges als „Tagespilger“ zu begleiten. Sowohl in der Pilgergruppe als auch bei den Gastgebern ist der Klimapilgerweg ein ökumenisches Projekt. In den Gemeinden hat er nicht nur spezifische Gottesdienste und klimapolitische Veranstaltungen initiiert, sondern ebenfalls ökumenische Begegnungen. Darüber hinaus freuen wir uns, dass der Klimapilgerweg auch für kirchenferne Menschen von Interesse ist, und sich immer wieder Kontakte mit und Unterstützung durch außerkirchliche NGOs wie auch Bürgerinitiativen ergeben. Teilnehmende aus Frankreich, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Polen, Schweden und der Schweiz bereichern die Klimapilgerbewegung.
Der Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit besitzt keinen dauerhaften, institutionellen Träger, aber er findet unter dem Dach des Ökumenischen Netzwerks Klimagerechtigkeit statt (ab 1.4.2025 Ökumenisches Netzwerk EINE ERDE). Wir unterscheiden zwischen „großen“ und „kleinen“ Klimapilgerwegen. Die „großen“ führen zu Weltklimakonferenzen, üblicherweise mit einer Dauer von mehr als zwei Monaten. Die organisatorische Vorarbeit und Begleitung wird dabei durch ein befristetes Projektbüro geleistet, das an eine kirchliche Institution angebunden ist. Die Personal- und Sachkosten dafür werden von Misereor und Brot für die Welt sowie weiteren kirchlichen Akteuren getragen. Nach dem ersten Klimapilgerweg 2015 haben bisher zwei weitere „große“ stattgefunden: Der 3. Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit 2018 von Bonn über Berlin nach Katowice (COP 24) sowie 2021 der fünfte von Zielona Góra über Halle (Saale), Münster, Amsterdam, Edinburgh nach Glasgow (COP 26). Das Coronajahr 2020 mit der Verschiebung der COP wurde mittels eines virtuellen Pilgerwegs überbrückt.
Finden die Konferenzen nicht in Europa statt, organisiert die Pilgerbasis – heute bestehend aus Wolfgang Eber (Heidenheim), Jens Knölker (Georgsmarienhütte), Wolfgang Löbnitz (Hamburg), Ulrike Schaich (Reutlingen), Christian Seidel (Potsdam) – auf ehrenamtlicher Basis mit Unterstützung aus den besuchten Bistümern und Landeskirchen „kleine“ Klimapilgerwege über zwei bis drei Wochen. Vorzugsweise verbinden diese ein überregionales kirchliches Ereignis mit einem politischen Entscheidungsort. Fünf „kleine“ Pilgerwege fanden bisher statt: 2017 von der Wartburg (Lutherjahr) nach Bonn (COP 23 am Sitz des UN-Klimasekretariats), 2019 von Münster über Dortmund (Evangelischer Kirchentag) nach Bonn (Bundesumweltministerium), 2022 von Augsburg über Stuttgart (Verkehrsministerium/Katholikentag) nach Karlsruhe (Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen), 2023 von Nürnberg (Evangelischer Kirchentag) nach München (Staatskanzlei), 2024 von Gniezno (Sitz des Primas von Polen) nach Berlin (Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit).
Neben befristeter Zusammenarbeit mit Kirchen aus Frankreich, den Niederlanden, England und Schottland besteht seit 2018 eine stabile und freundschaftliche Kooperation mit dem Polnischen Ökumenischen Rat und seinem Direktor, Pfarrer Dr. Grzegorz Giemza. Höhepunkte waren die Entsendung der Pilgerinnen und Pilger zum fünften Klimapilgerweg 2021 in Zielona Góra und zum achten Pilgerweg 2024 in Gniezno – dort durch den Primas, Erzbischof Wojciech Polak, und den Vorsitzenden des Ökumenischen Rats, Bischof Andrzej Malicki.
Klimagerechtigkeit wird von uns im Blick auf drei Aspekte gefordert: globale Gerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit (Enkelgerechtigkeit). Seit 2018 werden die politischen Forderungen des Ökumenischen Pilgerwegs für Klimagerechtigkeit mit dem übergeordneten Thema „Pariser Klimavertrag“ jeweils unter zwei Gesichtspunkten konkretisiert bzw. aktualisiert:
- auf internationaler Ebene an alle Vertragsstaaten, Inhalt und Geist des Pariser Vertrags in seinen drei Hauptaspekten zu erfüllen: Senkung der Treibhausgas-Emissionen, um das 1,5O C Ziel zu erreichen; Aufstockung der Mittel für Anpassungsmaßnahmen in den vulnerablen Regionen des Globalen Südens; Einrichtung eines Fonds zur Entschädigung von Verlusten durch die Klimakrise (Loss and Damage),
- auf nationaler Ebene an die deutschen Regierungen, sich als Vorreiterinnen für die Umsetzung des Pariser Vertrags einzusetzen und Deutschland auf den geforderten 1,5-Grad-Pfad zu bringen.
So stand beispielsweise im Jahr 2018, als der Pilgerweg durch alle deutschen Braunkohlereviere führte, der Ausstieg aus der Kohleverstromung auf der Agenda, 2021 die Forderung einer Verkehrs- und Mobilitätswende, 2024 die Entwicklung einer „Strategie des Genug-für-alle“ (Suffizienz).
Die deutliche Aufstockung der finanziellen Unterstützung für die Länder des Globalen Südens einschließlich eines neuen Schuldenmanagements sind ständige Forderungen auf internationaler Ebene. Bereits 2015 in Paris lernten wir den peruanischen Bergbauern Saúl Luciano Lliuya kennen. Bei einer zweiten Begegnung 2018 verpflichteten sich die Klimapilgerinnen und -pilger, über Saúls Klage gegen RWE (Fall Huaraz) zu informieren und Spenden zur Deckung der Verfahrenskosten zu sammeln. Inzwischen konnten mehr als 12.000 Euro überwiesen werden – unser Beitrag, damit David im Kampf gegen Goliath die „Scheinchen“ nicht ausgehen.
Von Beginn an war uns wichtig, nicht nur Forderungen an die Politik zu stellen, sondern auch die Kirchen zu verstärkten Anstrengungen zur Bewahrung der Schöpfung aufzurufen und alle zu ermutigen, ihr persönliches Verhalten zu prüfen, um eine nachhaltigere und solidarische Lebensweise anzustreben. Wir sind überzeugt, dass mit der gemeinsamen Anstrengung aller Menschen die Erderwärmung begrenzt und eine gerechtere Welt gestaltet werden kann.